Theorie

Rudolf Stumberger: "Was ist denn an diesem Bild sozial?", K├Âln 1998

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Neue soziale Fotografie?


 

 Die Tradition der sozialen oder sozialdokumentarischen Fotografie reicht bis in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts zur├╝ck, als die Kamera unter dem Einflu├č des jungen Journalismus und der sich formierenden Soziologie sich der Erforschung des Sozialen und seiner Mi├čst├Ąnde widmete. Thomas Annan, der die Glasgower  Elendsviertel von 1868 fotografierte oder Jacob August Riis, der die Slums der Lower Eastside in New York 1890 dokumentierte, stehen als Beispiele f├╝r diese Anf├Ąnge. Seither widmeten sich  engagierte Fotografen immer wieder dem Sozialen und als "klassisch" gelten heute die Dokumentationen eines Walker Evans oder einer Dorothea Lange aus den 30 Jahren.

 

Der  Begriff der "Neuen sozialen Fotografie" nun entstand in der Auseinandersetzung mit dieser klassischen sozialen Fotografie anhand zweier aktueller gesellschaftlichen Entwicklungen. Zum einen der Tendenz des rapiden Anwachsens und der zunehmenden Dominanz  einer "virtuellen" Welt, die ├╝ber Medien das Denken der Menschen und ihre Vorstellungen ├╝ber die reale Welt strukturiert, wobei diese beiden Welten zum Teil l├Ąngst nicht mehr analytisch zu trennen sind (zum Beispiel bei sogenannten "Medienereignissen" wie etwa einer Pressekonferenz). Diese virtuelle Welt ist aktuell gekennzeichnet durch die Begriffe der  Beschleunigung und der Globalisierung. Beschleunigung meint, da├č die Produktionszeit von Medienprodukten gegen Null tendiert, deren Idealfall die Live-Berichterstattung ist[1]. Globalisierung meint, da├č - z.B. durch das Internet - Daten und Bilder zusehends losgel├Âst vom Ort verf├╝gbar sind. Oder mit anderen Worten: Jeder Winkel dieser Erde ist mittlerweile medial abgedeckt - z.B. in Echtzeit durch sogenannte Web-Cams[2], die den Roten Platz in Moskau, die intime Wohnsituation von Menschen oder einen chirurgischen Eingriff ├╝bertragen.

Die Folgen der Entwicklung dieser virtuellen Welt sind paradox: Einerseits spielen (Fernseh)Bilder auch im politischen Bereich eine immer gr├Â├čere Rolle, werden Wahlen durch Fernsehpr├Ąsenz der Politiker mitentschieden und Kriege wegen Fernsehbilder begonnen oder beendet.[3] Andererseits aber wird das Bild durch inflation├Ąr anmutende Produktion, globale Verf├╝gbarkeit und Losl├Âsung vom Ort und damit der realen Entstehungsbedingungen mit seinen sozialen Bez├╝gen, entwertet weil beliebig. Es wird auch beliebig, weil ein Gro├čteil der Menschen, die mit diesen Bildern konfrontiert sind, au├čer den obligatorischen Wahlen, keine Handlungs- und Reaktionsm├Âglichkeiten haben (das hohe Spendenaufkommen in Deutschland bei gesellschaftlichen Katastrophen wie Krieg oder Vertreibung ist ein Indikator f├╝r die sonstige Hilflosigkeit angesichts der Bilder des Grauens).

 

Ist dies die eine Tendenz, auf die sich die "Neue soziale Fotografie" bezieht, so besteht die andere in der Entwicklung der Sozialstruktur moderner, nachindustrieller Gesellschaften. Wenn es richtig ist, da├č ein Fotograf letztendlich nur das fotografiert, was bereits im Kopf vorhanden ist und somit seine Weltsicht strukturiert - in der Wissenschaft w├╝rde man von Erkenntnisinteresse sprechen - dann spielt es nat├╝rlich eine wichtige Rolle, welche Vorstellung von Gesellschaft in den K├Âpfen herrscht.

Bezogen auf das "Soziale" geht es vor allem um die F├Ąhigkeit, zu unterscheiden, mithin also, soziale Strukturen wahrzunehmen. Als theoretischer Grundlage orientiert sich die "Neue soziale Fotografie" vor allem an dem Ansatz des franz├Âsischen Soziologen Pierre Bourdieus. Mit seinen Begriffen des "sozialen Raumes" und des "Habitus" stellt er Instrumente zur Klassenanalyse der Gesellschaft bereit und macht so die "Feinen Unterschiede" deutlich. Damit ist es m├Âglich, zu unterscheiden, wo andere l├Ąngst eine zunehmend einheitlich strukturierte Gesellschaft ohne gr├Â├čere soziale Unterscheidungen und Klassen sehen wollen. [4]

Freilich, Bourdieu auf das Soziale mit den ├Ąsthetischen Mitteln der Fotografie angewandt bedeutet auch, da├č Wahrnehmungsschemata[5] der industriellen Gesellschaft - mithin also der Vergangenheit - f├╝r die Gegenwart nur noch bedingt taugen.

 Was das hei├čt und was "Neue soziale Fotografie" nicht mehr sein kann, sei an einem Beispiel erl├Ąutert.

Im Schaufenster eines M├╝nchner Reiseb├╝ros werben gro├čformatige Schwarz-Wei├č-Fotos f├╝r eine Reise in die USA, genauer: f├╝r New York.  Die Fotos zeigen g├Ąngige Ansichten: Wolkenkratzer, die Freiheitsstatue und - das Bild eines obdachlosen Schwarzen, der am Stra├čenrand um Geld bettelt. Dieses Bild l├Ą├čt sich dem Kontext der "klassischen" sozialen Fotografie zuweisen - der Darstellung und Dokumentation von Unterprivilegierung, Armut und Unterdr├╝ckung. Aber: Dieses Bild im Schaufenster eines Reiseb├╝ros ist nur mehr ein Zitat, wird von der Werbung aufgegriffen und somit in einen ver├Ąnderten Kontext gestellt, der die urspr├╝ngliche Aussage des Bildes verwandelt und es praktisch entwertet (bzw. es mit einem neuen, konsumorientierten  "Wert" versieht). Man k├Ânnte auch von einer "Vernichtung" des sozialen Gehaltes - und somit des Bildes - sprechen.

 Wenn aber das "klassische" Bild des Obdachlosen l├Ąngst von der Werbung instrumentalisiert wurde, wie sollte es dann noch m├Âglich sein, den sozialen Tatbestand der Obdachlosigkeit fotografisch zu erfassen?

 Eine "Neue soziale Fotografie" mu├č also zweierlei tun: Sie mu├č erstens auf "klassische" Wahrnehmungsschemata des Sozialen verzichten, da diese Schemata l├Ąngst entwertet und kommerzialisiert sind (was sich in die These des Soziologen J├╝rgen Habermas ├╝ber die "Kolonialisierung der Lebenswelt" f├╝gt).

 Und obwohl die "klassischen" sozialen Themen wie Obdachlosigkeit und Armut nicht verschwunden sind, mu├č sich eine "Neue soziale Fotografie" den neuen sozialen Ungleichheiten bzw. den neuen Auspr├Ągungen alter sozialer Ungleichheiten stellen. "Armut" zum Beispiel hatte in den 60er Jahren ein anderes Gesicht als die "Neue Armut" in den 90er Jahren, gleichwohl dem Verschwinden von "klassischen" Attributen des Wahrnehmungsschemas "Armut"  - etwa Barackensiedlungen, abgerissene Kleidung - nicht das Verschwinden des Ph├Ąnomens "Armut" selbst entspricht.[6] Nur das Erscheinungsbild hat sich gewandelt.

 Neue soziale Fotografie hat somit ein doppeltes Anliegen. Zum einen gilt es - entgegen den entwertenden Tendenzen der virtuellen Welt - dem Bild eine Art "W├╝rde" zur├╝ckzugeben und das Bild als Erkenntnisinstrument des Sozialen neu zu etablieren. Zum anderen gilt es, sich einer ver├Ąnderten sozialen Welt zu stellen und an diese mit neuen Wahrnehmungsschemata heranzugehen.  

 Neue soziale Fotografie ist somit kurz gefa├čt eine Art Erkenntnismethode - eine Fotografie mit soziologischem Ansatz.



[1] Was unter Beschleunigung zu verstehen ist, wird deutlich, liest man folgende Schilderung ├╝ber den Aufwand der Life-Redaktion anl├Ą├člich der Beerdigung von Winston Churchill im Jahre 1965: "Motorradfahrer bringen die belichteten Filme zum Flughafen, wo ein gechartertes Flugzeug wartet. Im Inneren hat man es in ein Redaktionszimmer mit Tischen und Schreibmaschinen verwandelt. Ein Labor ist im vorderen Teil des Flugzeuges installiert worden...Auch ein gro├čer Tisch ist vorhanden, damit die Photos f├╝r das Layout ausgelegt werden k├Ânnen, au├čerdem Lichttische...Das Flugzeug war am Vorabend in New York gestartet. An Bord befanden sich 40 Redaktionsmitglieder und unter ihnen sechs Spezialisten, die die siebzig Farbfilme entwickeln werden. Das Flugzeug braucht etwas mehr als neun Stunden, um die 8500 Kilometer zwischen London und Chicago zur├╝ckzulegen, wo sich die Druckerei von Life befindet...Um verz├Âgernden Winden auszuweichen, steuert das Flugzeug n├Ârdliche Richtung an und fliegt direkt unter dem Polarkreis." (Freund, Gis├Ęle: Photographie und Gesellschaft", M├╝nchen 1976 S. 159) Heute w├Ąre der gleiche Zweck im Prinzip mit einer Digitalkamera, einem Laptop und einem Handy realisierbar.

[2] Es ist schon ein merkw├╝rdiges Ph├Ąnomen, da├č in Zeiten, in denen Datenschutzbeauf-tragte ernannt werden, manche Personen geradezu der Lust an der Zurschaustellung ihrer Privatsph├Ąre fr├Ânen. Den Anfang machte eine junge Dame namens Jenni aus Washington D.C.: ├ťber ihre Web-Cam l├Ą├čt sich per Internet ihr Alltagsleben verfolgen. (Vgl. z.B. "Im Auge des Voyeurs", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.1998 S. 11)

[3] Zum Beispiel wurde der Einsatz der US-Soldaten in Somalia beendet, nachdem das Fernsehen die Bilder eines durch die Stra├čen geschleiften, toten US-Soldaten gezeigt hatte.

[4] Vgl. dazu etwa Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main 1993. Der soziale Raum gliedert sich nach dem "Guthaben" an ├Âkonomischen und kulturellen Kapital (etwa Geld und Bildung) und jedes Gesellschaftsmitglied nimmt nach dieser Ordnung "seinen" Platz  im sozialen Raum ein. Der Habitus ist die verinnerlichte soziale Struktur, die die Wahrnehmung und das Verhalten der Menschen bestimmt.

[5] Unter einem Wahrnehmungsschema sind die Dispositionen in den K├Âpfen der Menschen zu verstehen, ihre Umgebung nach verinnerlichten Strukturen zu ordnen und zu bewerten, ja ├╝berhaupt bestimmte Teile dieser Umgebung wahrzunehmen.

[6] Vgl. Rot, J├╝rgen: Armut in der Bundesrepublik, Hamburg 1979;

 Hanesch, Walter, u.a.: Armut in Deutschland, Hamburg 1994

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