Projektbericht

 


 

Rudolf Stumberger: Projektbericht „Menschen und Meinungen aus dem Piusviertel“ - eine stadtteilbezogene Fotoausstellung im Rahmen des Förderprogramms „Soziale Stadt“ im Auftrag des Stadtplanungsamtes Ingolstadt 2000

 

 

 

Einleitung

 

„Neue soziale Fotografie“ - unter diesem Begriff hat der Autor einen                medientheoretischen und medienpraktischen Ansatz zusammengefasst, der darauf abzielt, soziale Strukturen moderner Gesellschaften visuell zu erfassen und zu thematisieren. Unter Abhebung von der  „klassischen“ sozialen Fotografie des 20. Jahrhunderts wird dabei der Wahrnehmungs- und Abbildungsgeschichte des Sozialen und den modernisierten Sozialstrukturen Rechnung getragen.

 

Übertragen auf das  vorzustellende Projekt bedeutet „Neue soziale Fotografie“:

 

-       die Einbindung des Mediums Fotografie in ein soziales Projekt („Soziale Stadt“), das den sinnstiftenden Interpretationshintergrund der Bilder abgibt

-       die Kontrollmöglichkeit der Befragten und Portraitierten im Sinne einer partizipativen Sozialforschung ĂŒber ihr „Abbild“ und ihre geĂ€ußerte Meinung

-       die Herstellung von Öffentlichkeit zu einem sozialen Bereich, der von den Massenmedien kaum aufgegriffen wird

  Das Fotoprojekt „Menschen und Meinungen aus dem Piusviertel“ versteht sich dabei in der Tradition der sogenannten Chicagoer Schule der Stadtsoziologie, die bereits in den 20er Jahren sozialwissenschaftliche und journalistische Methoden zusammenfĂŒhrte. Dabei geht es um die gegenseitige ErgĂ€nzung von „objektiven“ Sozialdaten und „subjektiven“ Lebenslagen.

  

 

 Ausgangssituation

 1999 beschloss der Stadtrat von Ingolstadt, das im Nordwesten gelegene sogenannte Piusviertel als Fördergebiet im Rahmen des von der Bundesregierung aufgelegten Programmes „Soziale Stadt“ anzumelden. Dieses Programm dient der nachhaltigen Sanierung und Aufwertung von Stadtteilen, in denen sich problematische Lebenslagen der Bewohner hĂ€ufen. 

  Das Piusviertel in Ingolstadt zeichnet sich hinsichtlich der Bewohnerstruktur durch einen im Vergleich mit anderen Stadtbezirken hohen Anteil an AuslĂ€ndern und Aussiedlern aus - mit rund 56 Prozent ist dieser Anteil fast doppelt so hoch wie der gesamtstĂ€dtische Durchschnitt von rund 27 Prozent. Im kleinrĂ€umigen Bereich - auf Blockebene - klettert dieser Anteil teilweise auf ĂŒber 80 Prozent. Insgesamt teilen sich die rund 13.000 Bewohner des Sanierungsgebietes in drei nahezu gleich große Gruppen Deutscher Bewohner, AuslĂ€nder und Aussiedler auf. Der Anteil der einheimischen Deutschen hat dabei seit Jahren kontinuierlich abgenommen, seit etwa drei Jahren ist auch eine Abnahme der auslĂ€ndischen Bewohner festzustellen. Stark gewachsen ist hingegen die Zahl der Aussiedler. Sehr hoch im Vergleich zu anderen Stadtteilen ist die Zahl der SozialhilfeempfĂ€nger und Arbeitslosen. UnterreprĂ€sentiert ist die Gruppe der ErwerbstĂ€tigen zwischen 25 und 60 Jahren.

  Zielsetzung des Foto-Projektes

 Das Aktionsprogramm „Soziale Stadt“ zielt nicht auf kurzfristig zu erstellende bauliche Maßnahmen, sondern auf langfristig und nachhaltig wirkende VerĂ€nderung im gesellschaftlichen Bereich. Das Programm zielt auf Hilfe zur Selbsthilfe und auf StĂ€rkung der Eigeninitiative. Der Beteiligung der Anwohner kommt so eine zentrale Bedeutung zu.

 

 Das Fotoprojekt „Menschen und Meinungen aus dem Piusviertel“ zielt auf diese Beteiligung der Anwohner. Inhaltlich geht es dabei um die Erstellung einer Reihe von fotografischen Portraits der Viertelbewohner (Familien, Gruppen von Jugendlichen, EinzelhĂ€ndler, Einzelpersonen), ergĂ€nzt durch Kurzinterviews, die ihre Sicht des Viertels mit seinen Vorteilen und Nachteilen wiedergeben. Fotos und Interviews werden in einer öffentlichen Ausstellung im neu eingerichteten StadtteilbĂŒro „La Fattoria“ gezeigt. Das Fotoprojekt entstand in Kooperation und schließlich im Auftrag des Stadtplanungsamtes Ingolstadt und wurde von dem MĂŒnchner Journalisten und Medienwissenschaftler Rudolf Stumberger konzipiert und durchgefĂŒhrt.

 


 

 Die Zielsetzung des Fotoprojektes richtete sich auf folgende Punkte:

 1.     Den Bewohnern des Stadtviertels ein mediales Forum zur Darstellung ihrer Meinung, ihrer WĂŒnsche und Probleme - bezogen auf das Viertel - zu geben.

2.     Die Bewohner des Stadtviertels ĂŒber visuelle Darstellung mit dem Programm der "Sozialen Stadt" bekannt zu machen bzw. heranzufĂŒhren. Die visuelle Darstellung - die Fotoserie -  eignet sich gerade angesichts eines hohen Anteils an Aussiedlern und AuslĂ€ndern im Viertel mit ihren Sprachbarrieren. Die Motivation zur Teilnahme an Prozessen der Quartiersentwick-
lung wird gefördert, indem sich die Bewohner auf den Fotografien wiederfinden und so das Interesse geweckt wird.

3.     Bedeutsam ist auch der Prozess der Erstellung der Fotoserie selbst. Durch vielfĂ€ltige Kontakte des Autors mit den Einwohnern kann das Programm der "Sozialen Stadt" ĂŒber Kommunikatoren und informelle Netzwerke im Viertel zum GesprĂ€chsthema gemacht werden (Plausch beim Kirchgang, beim LebensmittelhĂ€ndler, in der Kneipe). So können auch hier Sprach- und andere kulturelle Barrieren gegenĂŒber Medienrezeption (das Piusviertel weist z.B. einen sehr geringen Verbreitungsgrad der Tageszeitung auf) ĂŒberwunden werden und entsprechend die Motivation zur Prozessteilnahme gestĂ€rkt werden.

4.     Die Fotoausstellung dient auch der PrĂ€sentation des Programmes "Soziale Stadt" gegenĂŒber der Öffentlichkeit (Medien, Stadtrat, VerbĂ€nde, Landesbehörden). Die Ausstellungseröffnung kann  genutzt werden, um das Programm öffentlichkeitswirksam vorzustellen. Die Fotoserie selbst ist insofern medienwirksam, da eine visuelle PrĂ€sentation als "AufhĂ€nger" gerade in elektronischen Medien (TV) gegenĂŒber einer rein textlichen PrĂ€sentation von Vorteil ist.

 

 Methode und DurchfĂŒhrung

 Fotoserie und Interviews wurden im Zeitraum Mai/Juni 2000 erstellt. Insgesamt wurden 27 (Gruppen)Portraits angefertigt.  In ihrer Zusammensetzung spiegeln sie in etwa die altersmĂ€ĂŸige Struktur und die drei Hauptgruppen im Viertel (Einheimische Deutsche, AuslĂ€nder, Aussiedler) wieder.

 Um mit den Anwohnern des Viertels in Kontakt zu treten, wurden zunĂ€chst die formellen sozialen Institutionen genutzt. Über Kirchen, Jugendtreffs, Wohnungsbaugesellschaften, den Kontaktpolizeibeamten etc. wurden die ersten

   Kontakte geknĂŒpft. Die Vertreter der jeweiligen Institutionen dienten dabei als Mittler zwischen dem Autor und den Befragten. Diese Vermittlungsinstanz erwies als Ă€ußerst wichtig fĂŒr das Projekt, um eine erste VertrauensatmosphĂ€re aufzubauen.  Eine Kontaktaufnahme ohne diese Vermittlung z.B. ĂŒber das Telefon oder auf der Straße erwies sich als wenig sinnvoll, die angesprochenen Anwohner reagierten fast ausschließlich ablehnend. In einem zweiten Schritt wurde ĂŒber eine Art  „Schneeballsystem“ die Freunde und Bekannten der bereits Befragten interviewt.

 Die Interviewsituation wurde weitgehend offen gestaltet. In einem ersten Schritt erlĂ€uterte der Autor das Fotoprojekt und in groben ZĂŒgen das Programm der „Sozialen Stadt“. Danach wurden die portraitierten Anwohner nach ihrer
Biographie befragt, wann sie in das Viertel gekommen waren, woher sie stammten, BerufsausĂŒbung, etc. Danach ging die Fragestellung ĂŒber die Meinung der Befragten zum Viertel, ĂŒber VorzĂŒge und Nachteile - „Was gefĂ€llt Ihnen, was stört Sie?“. Teilweise wurde die Erfassung der Zufriedenheit mit der Wohnumgebung auch durch Fragestellungen wie „WĂŒrden Sie im Viertel wohnen bleiben oder lieber fortziehen“ operationalisiert.

 

 Meist im Anschluss an das Interview wurde von den Befragten dann ein fotografisches Portrait erstellt. Diese zeitliche Setzung erwies sich als sinnvoll, da in dem vorangegangenen GesprĂ€ch (Dauer meist eine dreiviertel Stunde) die Gelegenheit zum Aufbau einer Vertrauensbasis gegeben war, dass sich dann auch in der fotografischen Situation niederschlug. Fotografiert wurde mit einem 35-mm-Weitwinkelobjektiv.  Diese Brennweite ermöglicht die Darstellung sowohl der Portraitierten als auch der Umgebung.  Damit wird eine Fokussierung auf das rein Persönliche vermieden und die portraitierten Personen in Bezug zu ihrer sozialen Umwelt und den baulichen Gegebenheiten dargestellt.

 Vor der Eröffnung der Ausstellung erhielten die Befragten zeitgleich mit einer Einladung zur Ausstellungseröffnung einen Abzug ihres Portraits und eine Kopie des dazugehörigen Textes, der aus den Interviews erstellt wurde.  Damit wurde den Befragten im Sinne einer „Aktionsforschung“ die Möglichkeit zur Kontrolle ĂŒber ihr eigenes Bild und ihre geĂ€ußerte Meinung gegeben. Es bestand die Möglichkeit, den Text zu verĂ€ndern oder die Einwilligung zur Veröffentlichung auch generell zurĂŒckzuziehen. Damit sollte auch dokumentiert werden, dass die Befragten nicht „Objekte“ eines von oben angeordneten Prozesses, sondern gleichberechtigte, teilhabende Subjekte sind.

 

  Ergebnisse

 Der ĂŒber mehrere Wochen intensive Kontakt mit den Einwohnern des Piusviertels und die persönliche PrĂ€senz des Autors fĂŒhrte in den informellen Netzwerken des Viertels (Familienbande, Freundeskreis, etc.) zu einer Thematisierung des Fotoprojektes und des Programmes der „Sozialen Stadt“. Letzteres wurde vor allem konkret dadurch vermittelt, dass auf die Eröffnung des StadtteilbĂŒros hingewiesen wurde. Was sich ansonsten auf abstrakter Ebene schwer vermitteln lĂ€sst, konnte so ĂŒber das Fotoprojekt und den zu begutachtenden Umbau der ehemaligen Pizzeria in ein BĂŒrgerbĂŒro sinnlich vermittelt werden.

 Hinsichtlich der Interviewsituation zeigte sich, dass sobald ein VertrauensverhĂ€ltnis ĂŒber einen Mittler und den persönlichen Kontakt gegeben war,  die Befragten bereitwillig Auskunft zu den Fragen gaben.  Viele fĂŒhlten sich auch durch das Fotoportrait in ihrer Meinung und als Person durch eine „offizielle Instanz“ ernst und wichtig genommen , was sich nicht zuletzt dadurch ausdrĂŒckte, dass manche der weiblichen Befragten vor dem Fototermin zum Friseur gingen.  Manche zeigten sich auch ĂŒberrascht, dass jemand sich fĂŒr ihre Meinung und Person interessierte. Innerhalb der Interviewsituation zeigte sich das Fotografieren als wichtiger kommunikativer Akt, in dessen Rahmen der Meinung der Befragten zusĂ€tzliches Gewicht verliehen wurde.

 

 Inhaltlich schien in den Interviews die wichtige und bisher kaum öffentlich gewĂŒrdigte soziale Integrationsfunktion des Piusviertels ĂŒber die Jahrzehnte hinweg auf. Der Großteil der Befragten, der in Grenzen durchaus als reprĂ€sentativ fĂŒr die Bewohner des Viertels stehen kann, kam im Zuge verschiedenster FlĂŒchtlings- und Migrationsbewegungen nach Ingolstadt und in das Piusviertel. Angefangen von denjenigen, die in den 50er Jahren aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und der DDR kamen, ĂŒber die deutschstĂ€mmigen ZuzĂŒgler aus dem Banat und SiebenbĂŒrgen und die Gastarbeiter vor allem aus der TĂŒrkei in den 60er und 70er Jahren, bis hin zu den heutigen Aussiedlern aus den GUS-Staaten.

 Die meisten der Befragten zeigten sich mit ihrer Wohnung und der Wohnumgebung zufrieden, sie wollen auch im Viertel wohnen bleiben. GrĂŒnde hierfĂŒr sind z.B. große Eigeninvestitionen, die in den Wohnungen getĂ€tigt wurden, die NĂ€he zu Freunden und Verwandten, die NĂ€he zum Arbeitgeber AUDI, das Verwurzeltsein im Viertel.

 Als problematisch wurde teilweise das Zusammenleben von Ă€lteren Einwohnern und Kindern und Jugendlichen genannt. WĂ€hrend sich die Senioren vom LĂ€rm spielender Kinder gestört fĂŒhlen, beklagen die Eltern fehlende Spielmöglichkei-

 


 ten und BolzplĂ€tze. Beklagt wurde auch das Fehlen eines Freizeitangebots fĂŒr Jugendliche.



 


 Dies gilt insbesondere fĂŒr Jugendliche aus der Gruppe der Aussiedler. Vor allem Ă€ltere Bewohner fĂŒhlen sich durch die PrĂ€senz dieser Heranwachsenden auf der Straße und deren Kommunikation in russischer Sprache gestört. Jugendliche aus dieser Gruppe wiederum fĂŒhlen sich isoliert und suchen Halt in der gleichen Sprachgruppe. 



 

 Das Projekt fand seinen Abschluss mit der Eröffnung des Stadtteiltreffs und der Ausstellungseröffnung am 28. Juli 2000. Von den Portraitierten waren etliche der Einladung gefolgt und suchten interessiert unter den Ausstellungsfotos nach „ihren“ Fotografien. Offizielles Gewicht wurde der Ausstellungseröffnung durch die Anwesenheit des OberbĂŒrgermeisters, des Stadtbaurates, mehrerer StadtrĂ€te, Vertreter des Obersten Baubehörde und der Regierung von Oberbayern gegeben. In der Folgezeit zeigte sich, dass einige der Portraitierten aktiv an dem Betrieb des Stadtteiltreffs teilnahmen, z.B. durch Mitarbeit im gastronomischen Bereich, als Ansprechpartner fĂŒr die Besucher der Ausstellung, etc.  Das anvisierte Ziel des Fotoprojektes , BĂŒrger des Viertels mit dem Programm der „Sozialen Stadt“ bekanntzumachen, SchwellenĂ€ngste abzubauen und zu aktiver Mitarbeit zu motivieren, kann so als erreicht angesehen werden.     

 

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